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Das Burnout-Syndrom
Eine Modeerscheinung?
Das 1974 erstmals von Herbert
Freudenberger beschriebene BurnoutSyndrom
schien sich zuerst in den USA und
kurze Zeit später in Europa
epidemieartig auszubreiten. Die
erste deutschsprachige BurnoutPublikation
erschien 1980 – mittlerweile
erscheinen 300 Titel jährlich.
In der Schweiz „outen“
sich Prominente wie Rolf Schweiger
oder Hans-Beat Uttinger als davon
Betroffene. Psychiater und Grundversorger
werden von Patienten häufiger
auf ein Burnout angesprochen.
Wird es denn häufiger? Das
weiss niemand genau. Die Popularität
des Begriffes stieg atemberaubend
steil an. Zu Zeiten, als die „Managerkrankheit“
oder die „Midlife Crisis“
die heissen Themen des Tages waren,
fühlte sich jedermann auch
sogleich davon befallen.
Was ist ein Burnout-Syndrom?
Freudenberger beschreibt, wie
aus aufopferungsvollen, engagierten
Mitarbeitenden leicht reizbare und
zynische Menschen werden, die Symptome
einer körperlichen und psychischen
Erschöpfung zeigen („feel
burnout“). Trotz der vielen
Publikationen gibt es keine einheitliche
Definition des Burnout-Syndroms
und dementsprechend existieren kaum
aussagekräftige wissenschaftliche
Untersuchungen. In unseren psychiatrischen
Diagnose-Manualen kommt es lediglich
im ICD-10 unter ferner liefen (Z73.0)
vor, mit der lapidaren Erläuterung
„Zustand der totalen Erschöpfung“.
Der Vorteil der Popularität
des Begriffes ist seine allgemeine
Akzeptanz: Das Wort riecht nicht
so arg nach Psychiatrie oder „Klapsmühle“.
Vielen, die Hilfe nötig haben,
erleichtert das Label «Burnout»
den Gang zum Psychiater oder Hausarzt.
Anstatt von einer „anrüchigen“
psychiatrischen Erkrankung befallen
zu sein, können die Betroffenen
über eine akzeptierte Zeiterscheinung
sprechen.
Bei der von Patienten gestellten
Burnout-Diagnose erkennen wir nicht
selten eine psychiatrische Erkrankung
wie eine depressive Episode, depressive
Reaktion, Neurasthenie, Angststörung
oder sogar eine Schizophrenie. Und
trotzdem ist die Diagnose „ausgebrannt“
oder „leere Batterien“
eine gute Beschreibung einer Entwicklung
und eines Endzustandes. Das folgende
Fallbeispiel ist dafür typisch.
„Ausgebrannt“ –
ein Fallbeispiel
Die heute 36jährige Petra
kam bis zum Auftreten des Burnout-Syndroms
mit allem gut zurecht, war extrovertiert,
erfolgsverwöhnt und schaffte
den Durchbruch als Managerin in
einer Männer-Domäne. Die
studierte Ökonomin lebte mit
ihrem Freund zusammen und glaubte,
alles wie gewohnt gut zu meistern.
Doch irgendwann geriet ihr unermüdlich
scheinender Schwung ins Stocken.
Sie hatte fast ein Jahr lang an
einem wichtigen Projekt gearbeitet;
ein 14-Stunden-Tag und häufige
Langstreckenflüge waren die
Norm. Doch wenige Wochen bevor sie
ihr fast fertiges Projekt dem Verwaltungsrat
vorstellen sollte, brach sie zusammen
(„Nervenzusammenbruch“)
und nichts ging mehr. Im Nachhinein
stellte sie einen langsam schleichenden
Prozess fest. Zu Beginn mit sozialem
Rückzug, weniger Appetit, emotionaler
Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit,
Reizbarkeit und schliesslich weinte
sie, wenn sie nach Hause kam und
konnte selbst die wenigen vorgesehenen
Stunden nicht mehr schlafen
Als ihr Partner sie wiederholt
darauf hinwies, ihr Job fresse sie
auf, reagierte sie aggressiv und
trug Konflikte auf der Ebene des
Geschlechterkampfes aus. Schon lange
hatte sie ihm nicht mehr zugehört
und sich stets angegriffen gefühlt.
Erst nach dem Zusammenbruch konsultierte
sie einen Arzt und liess sich von
ihm erklären, dass sie sich
gleich mehrfach überforderte:
bei der Arbeit, in der Partnerschaft,
körperlich und psychisch. Neben
einem Burnout-Syndrom wurde die
psychiatrische Diagnose „lang
gezogene depressive Reaktion“
gestellt.
Die Patientin erhielt Antidepressiva
und musste erst einmal krankgeschrieben
werden. Sie lernte wieder zu schlafen,
sich ausgeglichen zu ernähren
und zwischenmenschliche Beziehungen
einzugehen. Im psychotherapeutischen
Gespräch lernte sie das „Burnout“
verstehen und erarbeitete sich Kenntnisse
darüber, welche Frühwarnsymptome
sie künftig beachten sollte
und wie sie ihr körperliches
sowie ihr soziales Gleichgewicht
behalten konnte.
Lebensstil und Lebensziele
Lebenskrisen können und sollen
auch Anlass sein, das bisherige
Leben zu überdenken. Führen
der Lebensstil und die gesteckten
Ziele und Erfolge zum angestrebten
Glück? Psychotherapeutische
Gespräche sollten immer auch
Aspekte von Sinn und Werten reflektieren.
Das bedeutet nicht eine Abkehr von
einer leistungsorientierten Lebenseinstellung
oder gar Hinführung zum Aussteigertum.
Bei der erwähnten Patientin
fehlte – wie bei vielen Menschen
unserer Kultur ein Innehalten und
sich Freuen am täglich Erreichten.
Kaum hatte sie etwas erledigt, vergass
sie es und sah nur den noch zu bewältigenden
Berg. Zudem nahm sie kaum noch Beziehung
zu Mitarbeitenden auf. Im Gegenteil:
diese wurden ihr lästig, zu
Störenfrieden. Erfüllende
zwischenmenschliche Beziehungen
gehören zum persönlichen
Glücksgefühl und fördern
das Arbeitsklima und die Leistungen.
Dr. med. Kurt April
Facharzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie
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